Schule: 621 Lux im Klassenzimmer, nur 128 Lux im Flur

Lichtstudie · Schule

Protokoll nach DIN EN 12464-1 für drei Klassenzimmer, ein Lehrerzimmer und einen Flur. Ein fünffacher Sprung zwischen benachbarten Räumen, den die Norm nirgends bewertet – und ein Flur mit der stärksten Blendung im ganzen Schulhaus.

Ein Schüler tritt aus dem Klassenzimmer auf den Flur, und die Beleuchtung um ihn herum fällt auf ein Fünftel. Im Klassenzimmer 621 Lux, auf dem Flur 128. An der Tür entsteht ein Sprung, wie man ihn in kaum einem anderen Gebäude erlebt.

Dabei erfüllen beide Räume die Norm, und zwar mit Reserve. Das Klassenzimmer hat ein Viertel mehr als gefordert, der Flur 28 Prozent mehr. Denn die Norm bewertet jeden Raum für sich – und berücksichtigt nirgends, dass zwischen ihnen eine Tür liegt.

Klassenzimmer (Ø)621 lxNorm fordert 500 lx
Flur vor der Tür (Ø)128 lxNorm fordert 100 lx
Sprung dazwischen5×beide Räume erfüllen die Norm
Berechnungsebene im Flur0 mmalso auf dem Boden
Stärkste Blendung im HausUGR 22,2im Flur, nicht im Klassenzimmer
Panels in den Klassenzimmern58×LED-Panel mit niedrigem UGR
Spez. Anschlussleistung Flur2,7 W/m²Lehrerzimmer 13,1 W/m²
Flur21,61 × 4,26 m92,1 m², sechs Panels

Vier Schubladen, vier Welten

Die Norm kennt weder Klassenzimmer noch Flur. Sie kennt Raumarten und für jede vier Anforderungen. Die Schule verteilt sich so darauf:

Raumart Ref.-Nr. Beleuchtungsstärke Gleichmäßigkeit UGR Ra
Unterrichtsräume – allgemeine Tätigkeiten 44.1 500 lx 0,6 19 80
Schreiben, Lesen, Datenverarbeitung 34.2 500 lx 0,6 19 80
Lehrerzimmer 44.22 300 lx 0,6 19 80
Flure und Verkehrsflächen 9.1 100 lx 0,4 28 40

Sehen Sie sich die letzte Zeile an. Für den Flur liegt die Latte bei 100 lx, also einem Fünftel des Klassenzimmers. Gleichmäßigkeit 0,4 statt 0,6. Blendung bis 28,0 statt 19,0. Und eine Farbwiedergabe von gerade einmal 40 – ein Wert, bei dem Farben nicht mehr stimmen.

Jede dieser Anforderungen ist für sich genommen sinnvoll. Auf dem Flur wird nicht gelesen, geschrieben oder gemalt. Man geht hindurch. Wer dort 500 Lux haben wollte, würde Energie verschwenden.

Die Summe dieser vier vernünftigen Entscheidungen erzeugt aber einen Raum, den man aus dem Klassenzimmer kommend wie einen Keller betritt.

Grundriss: drei Klassenzimmer, ein Flur, ein Lehrerzimmer

Grundriss des Schulgeschosses mit eingezeichneten Deckenpanels
Grundriss des Geschosses. Die Quadrate sind Deckenpanels 60 × 60 cm. Der schmale, lange Streifen ist der Flur, von dem aus man die drei Klassenzimmer und das Lehrerzimmer betritt.

Der Flur ist 21,61 Meter lang und 4,26 Meter breit, insgesamt 92,1 m². Darüber hängen sechs Panels in einer einzigen Reihe. Zum Vergleich: Das erste Klassenzimmer hat 59,3 m² und 16 Panels in vier Reihen.

Pro Quadratmeter ergibt das 2,7 W im Flur und 10,8 W im Klassenzimmer. Der Flur ist viermal sparsamer – und auch viermal dunkler.

Am interessantesten ist aber das Lehrerzimmer. Achtzehn Quadratmeter, sechs Panels, 13,1 W/m². Die höchste spezifische Anschlussleistung im ganzen Geschoss. Ein kleiner Raum schickt den Großteil des Lichts auf die Wände; ein großer Raum hält es am Boden. Deshalb ist ein Quadratmeter im Lehrerzimmer fast fünfmal teurer als ein Quadratmeter im Flur.

Klassenzimmer: 621 Lux und rote Ecken

Isolinien und Werteraster der Beleuchtungsstärke im Klassenzimmer mit 16 LED-Panels
Klassenzimmer 7,75 × 7,63 m, Maße in Millimetern, 16 Panels in vier Reihen. Die blauen Zahlen liegen über den geforderten 500 lx, die roten darunter. Die grünen Striche in den Ecken sind die 500-lx-Isolinien – genau dort sinken die Werte auf 450 bis 492.

Mittelwert 621 lx, Minimum 453, Maximum 748. Gleichmäßigkeit 0,73 gegenüber geforderten 0,6. Blendung UGR 16,9 gegenüber dem Grenzwert von 19,0.

Die roten Zahlen in den Ecken sind kein Mangel. Die Norm verlangt 500 Lux nicht an jedem Punkt – sie verlangt sie als Mittelwert und begrenzt zusätzlich, wie tief die Einbrüche sein dürfen. In den Ecken eines Klassenzimmers steht meist nichts oder ein Schrank.

Drei Klassenzimmer, drei verschiedene Ergebnisse

Das zweite Klassenzimmer hat dieselben 16 Panels, kommt aber auf 532 lx – neunzig weniger. Dafür hat es die beste Gleichmäßigkeit im Haus: 0,83. Das dritte Klassenzimmer bekam 20 Panels und erreicht 565 lx.

Die Unterschiede ergeben sich aus Fläche und Form der Räume, nicht aus der Qualität der Planung. Alle drei Klassenzimmer liegen bei einer spezifischen Anschlussleistung zwischen 10,2 und 10,8 W/m², und alle drei erfüllen die Norm mit Reserve.

Flur: 128 Lux, gemessen auf dem Boden

Isolinien und Werteraster der Beleuchtungsstärke im Schulflur mit sechs Panels
Flur 21,61 × 4,26 m mit sechs Panels in einer Reihe. Die blauen Zahlen liegen über den geforderten 100 lx, die roten darunter; die grünen Bögen an beiden Enden sind die 100-lx-Isolinien. Die blauen Schleifen um die Panels verbinden Punkte gleicher Werte.

Der dunkelste Punkt des Flurs hat 73 lx. Die roten Zahlen sitzen in den Ecken an beiden Enden, hinter den äußeren Panels, wohin das Licht nicht mehr reicht. Mittelwert 128, Gleichmäßigkeit 0,57.

Die Ebene in Höhe null

Und jetzt ein Detail, das man im Protokoll leicht übersieht. Die Beleuchtungsstärke im Flur ist in einer Höhe von 0 mm berechnet. Nicht in 85 Zentimetern wie in den Klassenzimmern. Null. Auf dem Boden.

Das ist richtig, und dahinter steckt eine Überlegung. Auf dem Flur arbeitet niemand am Tisch – man geht hindurch, und sehen muss man den Boden unter den Füßen. Eine Stufe, nasse Fliesen, einen Schulranzen, den jemand liegen gelassen hat.

Gleichzeitig ist es die strengste mögliche Wahl. Eine Ebene auf dem Boden ist am weitesten von den Deckenpanels entfernt. Hätte der Planer den Flur in den üblichen 85 Zentimetern gerechnet, hätte er für dasselbe Geld höhere Zahlen bekommen.

Die stärkste Blendung der Schule herrscht im Flur

Berechnete Blendung in den Klassenzimmern: 16,9, 16,6 und 16,8. Im Lehrerzimmer 15,2. Im Flur 22,2.

Der Flur hat also die am stärksten blendenden Leuchten im ganzen Haus, obwohl darunter die wenigsten Lux ankommen. Das erklären zwei Angaben, die das Protokoll für jeden Raum gesondert nennt.

Der Beobachter steht, er sitzt nicht

Der UGR-Wert wird für ein Auge in einer bestimmten Höhe berechnet. In den Klassenzimmern ist diese Höhe auf 1.200 mm eingestellt – das ist ein sitzender Schüler. Im Flur auf 1.600 mm, also ein stehender Erwachsener. Wer steht, ist den Leuchten näher und sieht sie unter einem steileren Winkel – deshalb ist der UGR höher.

Und andere Leuchten

In die Klassenzimmer kamen 58 Panels mit ausgewiesen niedriger Lichtstärke in den kritischen Winkeln, in den Flur 6 gewöhnliche Panels. Nicht aus Nachlässigkeit – im Flur ist ein UGR bis 28,0 zulässig, ein teures Panel würde dort niemand bezahlen.

Das Ergebnis von 22,2 ist meilenweit vom Grenzwert entfernt. Nur beschreibt diese Zahl eine Lehrkraft, die über den Flur geht. Und zwar in dem Moment, in dem sie einen Raum mit viermal so viel Licht verlassen hat und sich das Auge noch nicht umstellen konnte.

Der blinde Fleck der Norm

Das Auge braucht grob gesagt einige Dutzend Sekunden, bis es sich an eine fünffache Helligkeitsänderung angepasst hat. So lange sieht man im Flur deutlich weniger, als laut Protokoll an Licht vorhanden ist.

Das Protokoll kennt diese Situation nicht. Es rechnet das Klassenzimmer, es rechnet den Flur und schreibt bei jedem einzeln „erfüllt“. Es gibt keine Spalte, in die das Verhältnis zwischen benachbarten Räumen eingetragen würde.

Was man dagegen tun kann

Den Flur anheben, nicht das Klassenzimmer absenken. Der Unterschied zwischen 100 und 200 Lux im Flur kostet ein paar Panels und ein paar hundert Watt. Verglichen mit den Baukosten der ganzen Schule ist das nichts.

Die Wände beleuchten, nicht den Boden. Den Helligkeitseindruck eines Raums bestimmen die senkrechten Flächen, nicht das, was unter den Füßen liegt. Ein Flur mit hellen Wänden wirkt auch bei gleicher Lux-Zahl am Boden hell.

Oder einfach akzeptieren, dass es so ist. Die Pause dauert zehn Minuten, und das Auge passt sich an. Ein Flur mit 128 Lux ist sicher und günstig. Man sollte nur wissen, dass hinter den beiden Stempeln „erfüllt“ ein fünffacher Sprung steckt – und dass ihn niemand berechnet hat.

Was die einzelnen Zahlen bedeuten

Raumart
Die Schublade der Norm mit vier Anforderungen. Die Schule nutzt vier davon – vom Klassenzimmer mit 500 lx bis zum Flur mit 100.
Berechnungsebene
Die Ebene, auf der das Programm das Licht aufsummiert. Hier liegt sie im Klassenzimmer auf der Tischplatte und im Flur direkt auf dem Bodenbelag – je nachdem, was im jeweiligen Raum zu sehen sein muss.
Beobachterhöhe beim UGR
Das Auge, für das die Blendung berechnet wird. Ein sitzender Schüler hat 1.200 mm, ein stehender Erwachsener 1.600. Dieselbe Leuchte blendet jeden anders.
Farbwiedergabeindex Ra
Wie naturgetreu Farben unter dem jeweiligen Licht erscheinen. Im Flur erlaubt die Norm nur 40 – einen Wert, unterhalb dessen sich Farben deutlich verschieben.
Adaptation des Auges
Die Anpassung des Auges an eine Helligkeitsänderung. Nach dem Wechsel aus einem hellen in einen dunklen Raum dauert es Dutzende Sekunden, bis man wieder voll sieht.
Spezifische Anschlussleistung
Watt pro Quadratmeter. Ein kleiner Raum hat immer ein schlechteres Verhältnis als ein großer – mehr Licht landet auf den Wänden.

Was Sie daraus mitnehmen können

Drei Klassenzimmer zwischen 532 und 621 lx, Lehrerzimmer 560, Flur 128. Fünf Räume, vier Raumarten, fünfmal der Stempel „erfüllt“.

Zwei Dinge, die wir aus diesem Protokoll mitnehmen:

Der Flur ist kein Restposten des Gebäudes. Hier zeigt sich zuerst jede Entscheidung, die im Klassenzimmer getroffen wurde. Die wenigsten Lux und zugleich die stärkste Blendung im ganzen Geschoss.

Fragen Sie nach der Ebene, nicht nur nach den Lux. Ein Flur mit 128 Lux, gemessen auf dem Boden, ist ein anderer Flur als einer mit 128 Lux, gemessen in Hüfthöhe. Der erste ist ehrlich gerechnet, der zweite sieht auf dem Papier nur gleich aus.

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